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Berlin, den 04.09.2001
Offener Brief an den Vorsitzenden und die Mitglieder des Nationalen Ethikrates
Sehr geehrter Herr Prof. Simitis,
werte Mitglieder des Nationalen Ethikrates,
die GRÜNE LIGA entstand in der Wendezeit als Umweltverband der neuen Bundesländer
aus kirchlichen Gruppen, Mitgliedern des ehemaligen Kulturbundes und ökologisch interessierten Menschen.
Als Netzwerk Ökologischer Bewegungen haben wir uns seit 1997 bemüht, die kontroverse Gentechnikdebatte
zu begleiten und deren Chancen und Risiken in bezug auf unsere Lebensziele kritisch zu hinterfragen.
Im März 1999 haben wir auf der Mitgliederversammlung in Berlin unsere Haltung zur Gentechnik und Bioethik
in einem Positionspapier offengelegt. Darin heißt es:
"Die GRÜNE LIGA lehnt Gentechnik (GT) in allen ihren Anwendungsbereichen ab, weil sie die GT als
Risikotechnologie einschätzt, weil die Vergangenheit gezeigt hat, daß Menschen unfähig sind,
mit Risikotechnologien umzugehen und weil sie als Netzwerk Ökologischer Bewegungen einen Lebensstil
fördert, der auf das Gegenteil biologistischer Konstruktion gerichtet ist...". Ferner lehnt die GRÜNE
LIGA das "Menschenrechtsübereinkommen zur Biomedizin" ab, "weil wachsendes biomedizinisches Wissen versucht,
ethische Grenzbereiche im Interessenkonflikt zwischen Forschungsfreiheit und Menschenrechten auf Kosten der Menschenrechte
an Nützlichkeitsüberlegungen zu binden".
. . .
Seit Mai dieses Jahres ist die Diskussion über Rote Gentechnik, ihre Anwendung in bezug auf den Menschen, in eine
besondere Phase eingetreten, weil entschieden werden soll, ob Wissenschaftlern in Deutschland erlaubt werden kann,
an embryonalen Stammzellen zu forschen, und die Präimplantationsdiagnostik (PID) zuzulassen.
Das Interesse ist wechselseitig groß bei Forschern, Politikern und Pharmaunternehmen. Es geht um so entscheidende
Dinge wie wissenschaftlichen Fortschritt, Freiheit der Forschung – das deutsche Embryonenschutz-Gesetz (1991) verbietet
Abgabe, Erwerb und Verwendung menschlicher Embryonen - und nicht zuletzt um Ökonomie.
1. Mangelnde Akzeptanz für GT trotz umfassender Forschungsförderung.
Die Schwerpunktsetzung GT in der Forschung wird pauschal durch die Chancen gerechtfertigt, die GT für die Menschen
bietet. Aber bisher sind die erhofften Erfolge nicht greifbar. In den VDI-Nachrichten, vom 08.06.01, Nr. 23 auf S. 7
heißt es: "Gentherapie zerstört Hoffnungen auf schnellen Erfolg: Mit Gentherapie, so noch vor wenigen Jahren
das vollmundige Versprechen, wird man Erbkrankheiten bei Erwachsenen und Kindern heilen können. Bis heute aber
sind kaum Erfolge in Sicht." Möglichkeiten werden eher gesehen in der Bekämpfung von Infektionskrankheiten
durch Aktivierung des Immunsystems bei Einbringen von geeigneten Erbinformationen in Körperzellen mittels Viren.
Was einfach scheint, bedeutet einen Eingriff in das komplexe Gefüge biologischer Stoffwechselprozesse, die bestenfalls
beobachtbar und deren Reaktion auf Eingriffe unvorhersehbar sind, weil z.B. auch Bereiche der DNA, die keine Gene enthalten,
komplizierte Lebensvorgänge steuern und Gene nur als Teil komplexer Systeme zu betrachten sind.
Was als Erfolg vorgestellt wird, erweist sich allzu oft als Irrtum. Die großen anstehenden Entscheidungen in der Biopolitik
betreffen damit Bereiche, in denen bei genauer Betrachtung eher Unsicherheit statt Wissen vorherrscht. Dieses Nichtwissen wird
allerdings nicht gebührend offengelegt.
Erfolgversprechender als Gentherapie scheinen Eingriffe in die Keimbahn: Forschungen an Stammzellen, Präimplantationsdiagnostik,
deren Freigabe für Forschungszwecke immer drängender gefordert wird. Die Akzeptanz soll erzwungen werden, weil der
wissenschaftliche Fortschritt nicht aufhaltbar sei und deutsche Wissenschaftler die Möglichkeit erhalten sollen, sich
im internationalen Wettbewerb zu behaupten und auf dem Patentmarkt mitzureden.
Medien haben in dieser Phase von Öffentlichkeit Aufklärungsarbeit übernommen, um interessierten Bürgern zu
verdeutlichen, worum es geht, was wie funktionieren kann. Bedingung ist die Öffnung noch geltender ethischer Grenzen.
Die laufende bioethische Diskussion in Deutschland hat gezeigt, daß insbesondere unter Behindertenverbänden und
kirchlichen Gruppen Widerstand gegen die angestrebte Forschungsfreiheit laut wurde, denn Behinderungen würden vermeidbar
durch Aussonderung von Menschen, die nicht der herrschenden gesellschaftlichen Norm genügen. Die Menschenwürde nach
Artikel 1 GG wäre zu Gunsten der Forschungsfreiheit eingeschränkt, denn beide Begriffe stehen gegeneinander, obwohl
sie nicht gegeneinander abwägbar sind.
Solange die Menschenwürde auch gegenüber wirtschaftlichen Argumenten absolute Gültigkeit hat, bleibt die Menschheit
außerhalb ihrer selbstgemachten Sachzwänge. Biopolitik ist Machtpolitik auf Kosten der Schwachen in der Gesellschaft,
die eigentlich des gesellschaftlichen Schutzes am dringendsten bedürfen.
. . .
2. Forschungsfreiheit und Verantwortung
Zu den gesellschaftlich anerkannten Werten gehört die Verantwortung des Menschen bzw. der Wissenschaft für die Zukunft.
Mit Keimbahnmanipulationen würde eine grundlegend veränderte wissenschaftliche Anschauung von Leben manifestiert,
auf die das Prinzip der Verantwortung vor dem Leben nicht mehr zutrifft. Wer verantwortlich handeln will, muß die möglichen
Folgen seines Handelns überblicken, seine Möglichkeiten und Grenzen erkennen. Mehr denn je gilt, was Georg Picht bereits
1968 in seinem Werk „Zukunft und Utopie" gesagt hat: "Die Kluft zwischen dem Bewußtsein der modernen Forschung und dem
öffentlichen Bewußtsein läßt sich auf der gegenwärtigen Stufe der Wissenschaft nicht mehr überbrücken.
Deswegen entzieht sich das größte Machtpotential der heutigen Welt, das Potential der Wissenschaft, jeder politischen Kontrolle.
Die Wissenschaft ist aber auch der Kontrolle durch die Wissenschaft selbst entzogen. Alle Erfolge der modernen Wissenschaft beruhen
auf dem mit letzter Konsequenz auf die Spitze getriebenen Prinzip der Arbeitsteilung. Der riesige Apparat der modernen Forschung ist
in unzählige Zellen aufgespalten, in denen kleine Gruppen von Eingeweihten, durch ihr Spezialwissen isoliert, ihr esoterisches
Handwerk betreiben... Sie vermögen nicht zu überschauen, wie ihre eigenen Resultate in das unkontrollierte Räderwerk
des wissenschaftlichen Betriebes eingreifen. Die folgenreichsten Auswirkungen der modernen Naturwissenschaft sind nicht die vorausberechneten
und geplanten Effekte, sondern die unvorhergesehenen Nebenwirkungen". Diese Sicht wird noch verstärkt durch den gegenwärtigen
Trend von Firmenausgründungen. Forscher werden Unternehmer. Die Gesellschaft produziert diese Form der nach verwertbaren Ergebnissen
forschenden Wissenschaft, die eine Aufhebung der Tabu-Beschränkungen fordert.
3. Die Ethik des Helfens und Heilens
Eine pauschale Ablehnung der Anwendung der Biomedizin auf den Menschen wird in Frage gestellt. Sie sei nicht hilfreich, insbesondere,
um der in lebensbedrohliche Situationen geratenen Menschen willen. Die Akzeptanzfrage an menschliche Not zu binden, scheint schlüssig,
denn kann verantwortungsvoll gewollt werden, Menschen den "biomedizinischen Fortschritt" vorzuenthalten?
Anläßlich der verstärkten öffentlichen Diskussion im deutschen Bundestag und in den Parteien haben wir - die Mitglieder
der GRÜNEN LIGA - unsere Haltung zur GT überprüft. Wir stellen fest, daß die Diskussionen von Wünschen und Risiken
beherrscht werden, die Zukunftsbilder entweder beschreiben oder sich gegenseitig ausschließen (z.B. Forschung unter besonderer Aufsicht,
Respekt vor Menschen mit Behinderungen).
Jedes mechanische Denken des Reparierens bzw. Auswechselns, so wie es Apparatemedizin und auch genetische Forschung nach dem Ersatzteilprinzip
praktizieren, geht an der Wirklichkeit des biologischen Systems Mensch vorbei und kann deshalb auch nicht wirksam sein, insbesondere nicht langfristig.
Menschen sind komplexe Individuen aus Körper, Geist und Seele.
Sie funktionieren nicht als Apparate nach dem Austausch- oder Ersatzteilprinzip. Sie reagieren aber langfristig bereits auf chemische und
physikalische Belastungen, wenn diese weit unter den technisch definierten Grenzwerten liegen. Über längere Zeiträume entstehen
organische Fehlfunktionen, manifestiert als sichtbare und fühlbare Krankheiten.
. . .
Der gegenwärtig so umstrittene ethische Aspekt gilt nicht erst für das "Nein" zu einer einseitig geförderten medizinischen Methode
des Eingriffs in das Erbgut, die den Menschen weitgehend als Produkt seiner Gene definiert. Er greift weit früher, z.B. schon bei aus
wirtschaftlichen Erwägungen geduldeten chemischen und physikalischen Umweltverschmutzungen: mit Industriedünger und Pestiziden belastete
Nahrungsmittel, Belastung der Luft mit Schadstoffen, z.B. mit Autoabgasen (insbesondere durch Platingifte/Platinaerosole) und Lärm, mit
elektromagnetischen Informationen durch Mobilfunknetze...
Diese Immissionen belasten das biokybernetische System Mensch. Sie bewirken, daß die Gesundheit langfristig angegriffen wird, zwar oft
verstärkt durch persönliches Fehlverhalten einer belastenden Lebensführung, aber prinzipiell durch gesellschaftlich produzierte Risiken,
denen sich der Einzelne kaum entziehen kann.
In diesem Zusammenhang möchten wir an den Appell des Bundespräsidenten Johannes Rau erinnern, der anmahnt, dem Fortschritt ein menschliches
Maß zu geben und Dinge zu akzeptieren, die wir um keines tatsächlichen oder vermeintlichen Vorteils willen tun dürfen.
Was uns fehlt, ist eine adäquate Risikoforschung in der überrepräsentierten Genomforschung und eine ebenso adäquate Aufwertung
von Alternativen, die auf natürliche Heilverfahren setzen und vor allen Dingen auf Gesundheitsvorsorge.
Als Anlage übergeben wir Ihnen unsere Grundsätze zur GT (Positionspapier), deren Inhalt wir vertreten. Für eine auch nur Teilakzeptanz
der GT (z.B. auf dem Pharmasektor) sehen wir in bezug auf unsere Form des Einbringens in gesellschaftliche Prozesse nach wie vor keine Möglichkeit.
Mit freundlichen Grüßen
und besten Wünschen für Ihre zu treffenden Entscheidungen
GRÜNE LIGA e.V.
| Katrin Kusche | gez. Inge Stenzel |
| Bundesgeschäftsführerin | Fachsprecherin Gentechnik |
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