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10 Jahre – (k)ein Grund zum Feiern?
Grund zum Feiern? Als Umweltaktive werden wir immer wieder gefragt, ob sich die ökologischen Zustände in den neuen Ländern in den letzten zehn Jahren verbessert haben. Unterschwellig verbirgt sich hinter dieser Frage ein Systemvergleich zwischen der DDR und der Bundesrepublik, zwischen westlicher Überflussgesellschaft und ostdeutscher Warteschlangenwirtschaft.
Die Frage hat auch heute nichts an Bedeutung verloren. Sie weist darauf hin, dass viele auch mit dem westlichen System unzufrieden sind und ein Bedürfnis nach gesellschaftlicher Veränderung verspüren.
Woran messen sich Veränderungen der Umweltsituation der vergangenen zehn Jahre? Sind viele Autos mit Katalysator „umweltverträglicher” als wenige Trabbis? Sind höhere Abfallberge „besser” als eine Schwefeldioxid-reiche Luft? Sind weniger belastete Flüsse „sauberer” als der Einsatz von Gentechnologie?
Die Probleme liegen heute anders. Umweltzerstörungen werden weniger wahrgenommen, finden ebenso in anderen Ländern statt, werden von sozialen Fragen überlagert. Ökologisches Engagement ist sehr viel schwieriger geworden als kurz nach der Wende. Doch viele Umweltbewegte – nicht alle – blieben sich treu, auch wenn die großen Erfolge ausblieben. Wer gestern bei „Mobil ohne Auto” engagiert war, fordert heute mehr Tempo-30-Zonen; wer vor zehn Jahren gegen die Braunkohlekraftwerke eintrat, protestiert heute gegen den billigen Atomstrom; wer damals für die Einrichtung von Naturschutzgebieten gekämpft hat, demonstriert nun gegen den Bau gigantischer Einkaufszentren auf der grünen Wiese.
Auch die „Gegner” haben sich geändert. Wandten sich die Umweltbewegten damals vor allem gegen die ignorante Parteibürokratie, so geht es heute auch um die eigenen Autos, Flugreisen, Abfallberge und die Billigprodukte aus Übersee. Und das auch noch unter „spezifisch ostdeutschen Bedingungen“: Arbeitslosigkeit, Demokratiedefizit, Minderwertigkeitsgefühle, Zukunftsangst. Kann es ein richtiges Leben im „falschen“ geben?
Mit all diesen Problemen ist die Umweltbewegung in den neuen Bundesländern aufgewachsen. Im Vergleich zu ihrem westlichen Pendant ist sie überwiegend basisdemokratisch und autonom in Projekten engagiert und verfügt nur über wenig Medienmacht. Verbände wie BUND oder NABU haben zwar auch im Osten Mitglieder und sind in den Medien präsent, dafür aber weniger vor Ort verwurzelt. Gerade hier liegt der Schwerpunkt der GRÜNEn LIGA – als Netzwerk ökologischer Bewegungen und größter ostdeutscher Umweltverband. Ihr Motto „Visionen haben, Netzwerk knüpfen, Handeln anregen” ist auch im Jahr 2000 höchst aktuell.
Umweltzeitungen – zeitgemäß?
Umweltinformationen waren in der DDR Staatsgeheimnis. Nach der Wende wurden in vielen Städten Ostdeutschlands Umweltzeitungen gegründet. Heute halten sie sich trotz ihrer brisanten Themen gerade so am Leben (oder auch nicht) und genießen nur wenig öffentliche Beachtung. Mitunter fragen sich die Redakteurinnen und Redakteure: Ist das Thema Umwelt überhaupt noch zeitgemäß? Einige Zeitungen haben mit Kooperationsprojekten oder themenübergreifenden Ansätzen experimentiert – mit unterschiedlichem Erfolg.
Die vorliegende Publikation ist eine gemeinsame Ausgabe mehrerer Umweltzeitungen aus den neuen Bundesländern. Sie will einen kurzen Überblick über dortige Befindlichkeiten, Erfahrungen und konkrete Projekte zwischen 1989 und 1999 geben. Sie erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern ist eher ein Ausschnitt aus einem großen Puzzle. Die Gewichtung der Beiträge in den einzelnen Ländern ergibt sich aus der Schreibfreudigkeit und lässt nicht unbedingt Rückschlüsse über das Maß der Aktivitäten vor Ort zu. Vielen Dank an alle Autorinnen und Autoren!
Wir hoffen, mit der vorliegenden Auswahl einen Anstoß zu einer Auseinandersetzung über Geschichte, Inhalte und Perspektiven von Umweltarbeit in den neuen Bundesländern auszulösen. Vielleicht wird sie in den Umweltzeitschriften weitergeführt.
Übrigens: Die beteiligten Redaktionen versenden gern kostenlose Probeexemplare ihrer Zeitungen.
Oliver C. Pfannenstiel und Matthias Bauer
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