"Leitbilder einer künftigen Gesellschaft können nur Ergebnis
einer öffentlichen Diskussion sein - das versteht sich leider nicht von selbst.
Die Betrachtung von Ursachen und die Entwicklung von Alternativen wird im Fluß
bleiben und nicht mit letzter Verbindlichkeit festzuschreiben sein. Auch das ist nicht
selbstverständlich. Dem, was als Zwischenergebnis einer andauernden Diskussion zu Papier gebracht
wurde, möge mit Nachsicht und kritischem Geist begegnet werden."
1. Ökologische und soziale ProblemeAls
Mitglieder einer industriellen Gesellschaft haben wir teil an einer Lebens- und Wirtschaftsweise,
bei der die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen auf der Erde in Kauf genommen wird.
Die vom Club of Rome schon vor Jahren konstatierte Begrenzungskrise hat sich in bezug auf die
verfügbaren Entsorgungskapazitäten verschärft. Doch die ökologische Katastrophe
ist Alltag geworden, man ist zur Tagesordnung übergegangen. Für die Massenmedien ist
Umweltschutz ein Thema von vielen geworden, für die Industrie ist es ein Werbemittel.
Wir leben mit einer Vielzahl existenzieller Gefahren, deren Verdrängung eine Art Selbstschutz
ist. Die Gefahr signalisierenden Sensoren scheinen auch bei den meisten Akteuren in Politik und
Wirtschaft außer Betrieb. Sie versuchen, uns glaubhaft zu machen, die ökologische Krise
sei technisch und administrativ lösbar. Wahrscheinlicher ist aber, daß eine adäquate
Reaktion im Rahmen der gegebenen Strukturen nicht möglich ist.
Der Glaube an die Beherrschbarkeit von Naturprozessen ist ungebrochen. Was der Ausgangspunkt
uneingeschränkten Forschens und Wirtschaftens war, wird ohne Rücksicht auf die steigenden
Risiken fortgesetzt. Dafür werden selbst Bürgerrechte außer Kraft gesetzt und die
letzten Tabus gebrochen.
Die herrschende Anthropozentrik, die den Menschen in den Mittelpunkt jeglichen Denkens und
Handelns stellt, erlaubt ein grenzenloses Wirtschaften auf Kosten der Mitwelt und nachfolgender
Generationen. Wir zehren schon lange von der Substanz. Menschliches Wirtschaften verbraucht mehr
Energie, als durch die Sonne täglich geliefert werden kann. Fossile Energie, in Jahrtausenden
gespeichert, wird zu nicht mehr nutzbaren Formen umgewandelt. Ein Indiz dafür ist die Zunahme
von Treibhausgasen in der Atmosphäre, sie ruft klimatische Veränderungen in heute noch
nicht absehbarem Ausmaß hervor.
Die Wachstumsorientierung der industriellen Gesellschaftist ungebrochen. Die Endlichkeit der verfügbaren natürlichen Ressourcen und die Auswirkungen
ihres Verbrauchs setzen der Gewinnmaximierung im derzeit dominierenden Wirtschaftsmodell Schranken.
Das kann nur deshalb verdrängt werden, weil die westlichen Industriestaaten ihren Rohstoffhunger
außerhalb ihrer Grenzen befriedigen. Und wir sind selbst Teil dieser Gesellschaft, die vom
,Eingemachten" zehrt, ihren Lebensstil auf Kosten der Entwicklungsländer pflegt und
für die Folgen nicht verantwortlich sein will.
Zeit ist Geld. Und so werden die natürlichen Zeitabläufe, der Rhythmus der Jahreszeiten,
die Wachstumsperioden von Lebewesen usw. mit Hilfe von Technologien dem menschlichen Nutzen
untergeordnet.
Das Alter von Wäldern und Meeren hindert den Menschen nicht, den über Jahrtausende
angesammelten Reichtum innerhalb weniger Generationen zu verschleudern. Für ein Innehalten und
das Nachdenken über den weiteren Weg fehlt - die Zeit. Ein oberflächliches Behandeln der
Symptome bestimmt unser Handeln.
Täglich werden große Flächen unseres Planeten
durch den Menschen der übrigen Mitwelt entzogen und stehen als Lebensraum für diese nicht
mehr zur Verfügung. Geld ist zum allgemeinen Wertmaßstab geworden. Seine
Unzulänglichkeit als Maßstab ist spätestens klar, seit man versucht, die durch
Umweltverschmutzung hervorgerufenen Kosten zu ermitteln.
Die Überschaubarkeit von
Lebensprozessen ist in einer (nach Altersgruppen, Berufszweigen usw.) zergliederten (fragmentierten)
Gesellschaft nicht zu gewährleisten. Daß man als Individuum zu einem sozialen Ganzen
gehört, ist so nicht wahrnehmbar. Jeder noch so zahlungskräftige Sozialstaat kann nicht
leisten, was durch die Struktur einer Gesellschaft verhindert wird. Ein menschenwürdiger Umgang
mit Kranken, Behinderten, Alten und Kindern ist weniger eine Frage staatlicher Subventionierung als
der eines grundlegenden Wertewandels.
Der Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben und einer den eigenen Bedürfnissen
entsprechenden Tätigkeit kommt in einer wachstumsorientierten Leistungsgesellschaft für
viele einer Utopie gleich. Dieses und andere Bedürfnisse, wie die Suche nach Harmonie, Frieden,
Liebe, Glück usw., als Grundbedürfnisse zu akzeptieren, ist die Voraussetzung, um zu
erkennen, daß deren Befriedigung mit materiellen Gütern nie erreichbar sein kann. Die
Kompensation unerfüllter innerer Bedürfnisse durch immer mehr Konsum erfordert eine
ständige Steigerung der Produktion und in der Folge weitere Naturzerstörung.
Wir bewegen uns zunehmend in Wirklichkeiten aus zweiter Hand. Informations- und
Kommunikationsmedien schaffen künstliche Welten, die unsere Beziehungen zur realen Mitwelt
verschleiern und zerstören.
Die Entfremdung von den natürlichen Lebensprozessen und
-kreisläufen hat zur Folge, daá die Zugehörigkeit zur Natur - der Grundlage
menschlichen Daseins - nicht mehr wahrgenommen wird. Dies bedeutet gleichzeitig, die Handlungsfolgen
aus dem Blick zu verlieren, entbindet aber nicht von der Verantwortung. Wir sind Teil der Natur -
aber die Herkunft unserer Lebensmittel im weitesten Sinne bleibt anonym. Abprodukte verschwinden im
Nirgendwo.
Gleichzeitig gehen jenes in Generationen überlieferte Wissen und viele
unterbewußte Menschheitserfahrungen verloren, die ein Fundament für nachhaltiges
Wirtschaften sein könnten. Effizienz lautet das Schlagwort, um naturgemäße
Wirtschaftsformen für überholt zu erklären. Alternative Indikatoren, wie Umwelt- und
Sozialverträglichkeit, verkommen zu abgenutzten Begriffen im umweltpolitischen
Tagesgeschäft.
Der "Erfolg" des westlichen Wirtschaftssystems, das weltweit als
angestrebtes Ideal bzw. Modell behandelt wird, beruht wesentlich auf dem privaten Besitz an Grund und
Boden, Produktionsmitteln und natürlichen Ressourcen. Dem Zwang zur Mehrwertproduktion folgend,
werden die natürlichen Grundlagen der Produktion verbraucht, ohne daß die
volkswirtschaftliche Gesamtrechnung dies widerspiegelt. Die natürlichen Ressourcen dienen der
privaten Gewinnerzielung, die entstehenden Schäden an Wasser, Luft und Boden werden sozialisiert.
Nachhaltigkeit im Wirtschaften ist mit einer Orientierung an rein ökonomischen
Maßstäben nicht realisierbar. Entwicklung und Wachstum als identisch zu betrachten,
behindert das Nachdenken über eine neue Ökonomie, die sozial und gerecht gegenüber
der Mitwelt und kommenden Generationen ist. Im Rahmen der herrschenden politischen Verhältnisse
scheint es unmöglich, auf die Gefahren, die durch qualitativ und quantitativ ungebremstes
Wirtschaften entstehen, angemessen zu reagieren. In Zeiten wirtschaftlicher Rezession und
Massenarbeitslosigkeit wird der Förderung jeglichen Wirtschaftswachstums politische
Priorität eingeräumt. Politische Weichenstellungen folgen mehr denn je den Interessen von
Verbänden und Wirtschaftsgruppen außerhalb des Parlaments. Umweltpolitik gerät unter
diesen Umständenzur Farce.
Für eine auf Konkurrenz und Gewinnmaximierung aufgebaute
Wirtschaft sind Verlierer und Krisen Teil des Systems. Soziale Abfederung kann dies nicht
ausgleichen. Die aktuelle Rezession macht deutlich, daß die Polarisation in Wohlstandsregionen
und Armutsgebiete im globalen Maßstab und gleichermaßen innnerhalb der nationalen
Ökonomien stattfindet.
Die Notwendigkeit, Arbeitsplätze zu schaffen, gilt als
schwerwiegendstes Argument gegen ökologische Einwände. Aber Arbeitsplätze sind nie
abstrakt, sondern in ihrem Arbeitsinhalt und ihren Folgen immer konkret. Ihr Nutzen kann
fragwürdig sein, wenn sie zur "Neulast"werden.
2. Visionen für
eine künftige GesellschaftWenn man die herrschenden gesellschaftlichen Strukturen als
ungeeignet erachtet, die anstehenden ökologischen und sozialen Probleme von den Wurzeln her
anzugehen, müssen Gegenentwürfe angedacht, entwickelt und erprobt werden. Kriterien
für andere gesellschaftliche Verhältnisse zu definieren ist allerdings so schwer, wie
wirkliche Grundbedürfnisse zu benennen. Und wenn die Probleme komplex miteinander verflochten
sind, so hilft die Formulierung von Insellösungen nicht. Alternativen beginnen im Kopf und
müssen geistige Schranken überwinden.
Da der Verbrauch an Rohstoffen in den
Industrieländern weit jenseits der ökologischen Tragfähigkeit der eigenen Territorien
liegt, gibt es zu einer Verringerung des Verbrauchs an materiellen Ressourcen keine Alternative. Die
Veränderung der ressourcenverschlingenden Lebensweise kann am ehesten dann verwirklicht werden,
wenn mit der Regionalisierung von Produktion und Konsumtion die Überschaubarkeit von
Stoffflüssen gewährleistet wird. Erst dann kann auch der reale, an den Bedürfnissen
der Region gemessene Energiebedarf aus den lokalen Ressourcen gedeckt werden. Tendenziell
regionalisiertes Wirtschaften läßt am ehesten die Förderung dezentraler
Entscheidungsstrukturen zu. So könnten Prinzipien Eingang in die Regionalpolitik finden wie
Fehlerfreundlichkeit, Umkehrbarkeit von Entscheidungen, Gemächlichkeit usw. Weder die
politischen noch die wirtschaftlichen Aktivitäten des Menschen können lediglich an ihrer
kurzfristigen ökonomischen Effizienz gemessen werden. Dazu sind alternative Indikatoren zu
entwickeln, die die Verträglichkeit regional sowie überregional, in sozialer Hinsicht und
gegenüber der Mitwelt in Rechnung stellen.
Die Konstruktion tragfähiger Wirtschafts- und Sozialbeziehungenkann "von oben"
oder "von außen" nicht gelingen. Der Aufbau solcher Verhältnisse kann nur von
den die Region bewohnenden Menschen mit ihren Fähigkeiten und Kenntnissen bewältigt
werden. Mit Unternehmensformen, die gemeinwesenorientiert wirtschaften und ihre Gewinne in
Arbeitsplätze reinvestieren, ist das Zusammenführen ökologischer, ökonomischer
und sozialer Zielstellungen am ehesten möglich.
Voraussetzung für kompetente Einmischung und Entscheidung vor Ort und für die
Entwicklung regional bezogener Wirtschaftsstrukturen ist die Kenntnis über Fakten und
Zusammenhänge und die Fähigkeit, diese zu beurteilen und Alternativen zu entwickeln.
Kontinuierliche Information und Bildung, die gemeinschaftliche Erfahrung und die Wiedererweckung der
Sinne müssen deshalb umfassend, breit und fortwährend aktiv gefördert und betrieben
werden.
In diesem Rahmen sollte auch die Frage nach der Veräußerbarkeit von Grund und Boden
neu gestellt werden. An die Nutzung von Natur stellen sich völlig neue Anforderungen, wenn sie
mit ihrem Wert an sich für Generationen erhalten werden soll.
Die Bewahrung der biologischen Vielfalt ist nicht realisierbar, solange der Mensch die von ihm
heute direkt nutzbaren Arten auf Kosten der Ausrottung anderer verwertet. Es geht dabei allerdings
nicht nur um die "belebte", sondern ebenso um "unbelebte" Natur, die in der
Realität auch nicht in isolierte Teile zerfällt.
Es stellt sich damit im Zusammenhang die Frage nach anderen Maßstäben - sowohl
für die Bewertung menschlicher Leistungen als auch für den Gebrauch von Naturressourcen.
Die Tauschwertlogik auf natürliche Ressourcen, wie Luft, Wasser, Boden auszudehnen, ist so
fragwürdig wie unzureichend und geht an den Ursachen der Verschmutzung vorbei. Geld kann nicht
die einzig mögliche Form sein, um als Menschen miteinander in Austausch zu treten. Alternative
Möglichkeiten sind zu finden und zu erproben.
Jede Form sozialen Zusammenlebens ist
konfliktgeladen und benötigt angemessene Konfliktlösungsmechanismen. Da die Anwendung
physischer und/oder psychischer Gewalt gegen Mitmenschen als Teil der Mitwelt mit den
Grundsätzen ökologischer Lebensweise nicht in Einklang zu bringen ist, müssen Formen
der gewaltfreien Konfliktbewältigung gefunden werden.
3. Handlungsmöglichkeiten für die GRÜNE LIGA
Die GRÜNE LIGA vereint als Netzwerk Gruppen, Initiativen und Einzelpersonen, die sich
gemeinsam auf vielfältige Art und Weise für Natur- und Umweltschutz und die weitergehende
Ökologisierung der Gesellschaft einsetzen. Innerhalb des Netzwerks wahren diese Gruppen ihre
Eigenständigkeit und Identität. Ziel des Netzwerks ist die regionale sowie fachliche
Koordination und Unterstützung von Akteuren und Aktivitäten. Innerhalb des Netzwerks ist
die fachliche, partei- und vereinsübergreifende Kooperation Basis der Zusammenarbeit. Dabei
sind Offenheit für Neues, Toleranz und Vertrauen untereinander wichtige Prinzipien des Umgangs.
Die GRÜNE LIGA bringt den Erfahrungsschatz ihrer Vorgeschichte in der DDR-Umweltbewegung
in die Diskussion um eine nachhaltige Lebens- und Wirtschaftsweise ein. Ihre theoretische und
praktische Arbeit richtet sich weiter auf die spezifischen Probleme in den neuen Bundesländern.
Aus deren besonderer sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Situation erwachsen auch
besondere Chancen für die Entwicklung gesellschaftlicher Alternativen.
Als Umweltverein und Teil dieser Industriegesellschaft nur den Handlungsdruck zu wirklichen
Veränderungen zu lindern, wäre kontraproduktiv, solange nicht die Erkenntnis von der
Komplexität und Tiefe der Ursachen in eine adäquate Strategie mündet. Sich mit Blick
auf die öffentliche Akzeptanz eine konsequente Betrachtungsweise zu versagen, ist weder
notwendig noch sinnvoll. Die GRÜNE LIGA will vielmehr ein subversives Element in einem System
sein, das im allgemeinen als "Sieger der Geschichte"gilt.
Die GRÜNE LIGA sieht
es als ihre Aufgabe an, die öffentliche Diskussion um regional wie überregional
mitweltverträgliche Wirtschafts- und Lebensmodelle zu befördern.
Die GRÜNE LIGA fördert und ermöglicht die Entwicklung und Umsetzung von
alternativen Lebens- und Wirtschaftsformen. Insbesondere sollen ganzheitliche Projekte mit
ökologischen, sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Zielstellungen unterstützt
werden.
Die GRÜNE LIGA will den gewohnten verschwenderischen Lebensstilin den Industrienationen so
kritisch hinterfragen bzw. verändern und auf konkrete Aktivitäten der wirtschaftlichen und
politischen Gruppen besonders aus Deutschland heraus hinweisen, daß sich positive
Rückwirkungen auf die Situation der sogenannten Entwicklungs- und Schwellenländer ergeben.
Ein wichtiger Bestandteil der Arbeit im Netzwerk GRÜNE LIGA ist es, durch die
Industriegesellschaften entstehende aktuelle, akute, globale sowie lokale Umweltschäden zu
verhindern.
Die im wesentlichen außerparlamentarische Arbeit der GRÜNEN LIGA ist
von dem Bestreben geprägt, im Dialog mit den Entscheidungsträgern aller politischen Ebenen
auf eine Umsetzung ihrer Ziele hinzuwirken.
Die Öffentlichkeit zu sensibilisieren und
für Unterstützung zu werben sind wichtige Mittel, um die Ziele der GRÜNEN LIGA zu
verwirklichen. Um auf ökologische/soziale Mißstände oder gravierende politische
Fehlentscheidungen aufmerksam zu machen, bedient sich die GRÜNE LIGA kreativer bzw.
unkonventioneller Methoden.
Eine kontinuierliche Arbeit im Natur- und Umweltschutz, gezielte
Aktionen und die Belebung des öffentlichen Diskurses über eine Erneuerung der Gesellschaft
befruchten und ergänzen sich gegenseitig.
Die Mitglieder der GRÜNEN LIGA nehmen ihre
individuelle Verantwortung wahr, die natürlichen Lebensgrundlagen zu schützen, und sind
bestrebt, bei Mitmenschen ähnliche Motivationen zu wecken.