Von nun an ist Leben patentierbar

    Berlin, 15.09.99. Der Verwaltungsrat des Europäischen Patentamtes in München hat beschlossen, daß ab 1.9.99 genmanipulierte Tiere und Pflanzen, dsgl. menschliche Gene oder Zellen, so wie bislang Maschinen oder Verfahren patentfähig sein sollen.

    Gene auf Patentrezept zu verkaufen
    Die Befürchtungen sind wahr geworden, daß sich Konzerninteressen der Life Science Industry, gepaart mit der kooperierenden Wissenschaft, durchsetzen in dem Bestreben, geltendes deutsches und europäisches Patentrecht grundsätzlich so zu manipulieren, daß es dem amerikanischen faktisch angeglichen wird. Dieses kennt für Handels-zwecke keinen Unterschied zwischen lebenden Organismen und unbelebten Objekten. 1987 gab das amerikanische Patentamt eine Richtlinie heraus, derzufolge alle vielzelligen lebenden Organismen patentierbar sind, einschließlich Tiere (damals noch unter Ausschluß des Menschen bzw. menschlicher Teile).

    Spätestens seit der Kartierung des menschlichen Genoms (Human Genome Project), einem 3 Milliarden Mark teueren Forschungsprojekt zur Kartierung der ca. 100.000 Gene des Menschen und des damit einhergehenden Projek-tes der Kartierung seltener Gene von insbesondere 700 ethnischen Gruppen (Human Genome Diversity Project), hat sich das geändert. Es werden Patentansprüche für identifizierte Gensequenzen erhoben, über deren Funktionsweise noch weitgehend Unklarheit herrscht. Das wird dazu führen, daß das gesamte Erbmaterial des Menschen patentiert und damit geistiges Eigentum multinationaler pharmazeutischer, chemischer und biotechnologischer Firmen sein wird. Jeremy Rifkin gibt in seinem Buch "Das biotechnologische Zeitalter; die Geschäfte mit der Genetik" folgendes Beispiel: "Im Jahre 1991 gab der damalige Leiter des NIH-Kartierungsteams (amerik. Gesundheitsamt), J. Craig Venter, seinen Regierungsposten auf, um die Leitung einer Genfirma zu übernehmen, die aus einem Projektfonds mit über 70 Millionen Dollar gefördert wurde. Zur selben Zeit stellten Venter und seine Kollegen Patentanträge für über 2000 Gene des menschlichen Gehirns..." (S. 107).
    Hierbei handelt es sich sachlich nicht um Erfindungen sondern um Entdeckungen, Aufklärung natürlicher Gegebenheiten. Z.B. wurde einst die Entdeckung der chemischen Elemente als nicht patentierbar angesehen, obwohl bei ihrer Isolierung und Beschreibung menschlicher Erfindergeist eine bedeutende Rolle spielte.

    Ähnliche Entwicklung wie in den USA
    Die neuen politischen Richtlinien zur Ausweitung der Patentierbarkeit in Europa wurden analog den Entwicklungen der 80er Jahre in den USA gegen jede Logik früherer Entscheidungen erteilt. So verbot bisher in Europa das Europäische Patentübereinkommen (EPÜ) die Patentierung von Pflanzensorten, Tierarten und im wesentlichen biologische Verfahren zur Züchtung von Pflanzen und Tieren. Damit wurde die vorherige, nicht nachvollziehbare Praxis unterbunden, daß Patente erteilt wurden, die mehr als eine einzelne Pflanzensorte oder Tierart umfaßten. Z.B. ein EP der Firma Monsanto, das nicht nur für die Roundup-Ready-Soja-Bean galt sondern für alle Pflanzenarten und -sorten, Saatgut und Teile von Pflanzen, die gegen das firmeneigene Unkrautvernichtungsmittel (Roundup bzw. Glyphosat) resistent gemacht wurden. Das betrifft: Mais, Weizen, Reis, Sojabohne, Baumwolle, Zuckerrübe, Ölsaa-tenraps, Canola, Flachs, Sonnenblume, Kartoffel, Tabak, Tomate, Luzerne, Pappel, Kiefer, Apfel, Traube.

    Gentechnik als neuer Markt
    Mit den neuen Richtlinien kann Europa nun gleichberechtigt in den weltweiten Wettbewerb um die kommerzielle Ausbeutung von Leben eingreifen. Jetzt können Patente erteilt werden, die alle gentechnisch veränderten Varietäten einer Art abdecken. Z.B. kann das Krebsmauspatent wirksam werden, das die gesamte Säugetierklasse umfaßt und als Testfall für die Patentierung von Lebewesen bekannt wurde. Mit Krebszellen infizierte Tiere dienen in der medizinischen Forschung alsTiermodelle, die durch Genübertragung menschliche Erbkrankheiten ausbilden. Dabei ist bekannt, daß die meisten Krankheiten multifaktoriell bedingt sind und sich an Tieren (auch an genetisch modifizierten) nicht reproduzieren lassen. Der Patentschutz gilt als entscheidender Ansporn für ein Unternehmen, überhaupt Zeit und finanzielle Mittel in Forschungs- und Entwicklungsarbeiten zu investieren, denn Patente auf lebende Organismen bestimmen in hohem Maße den Aktienwert von Gentech-Unternehmen. Die Multis führen einen weltweiten Verteilungskampf um die Märkte der Zukunft. Die Konzentration der Firmen bringt den Aktionären steigende Gewinne, den Beschäftigten Sorge um die Erhaltung ihrer Arbeitsplätze.

    Die wirtschaftlichen Aspekte weisen auf das eigentliche Ziel der Gentechnik, die Kapitalerwirtschaftung. Experten sprechen von dem "grünen" bzw. "rotem" Gold der Gene. Dabei wird deutlich, was hinter der Lüge vom Sieg über den Hunger in der Welt und der Sicherung der Welternährung steckt: Die Vermarktung der Nutzungsrechte an der belebten Natur. Außen vor bleiben die, die nicht bezahlen können, insbesondere Bauern, Züchter, Ver-braucher. Sie geraten in ein Netz neuer Abhängigkeiten. Besonders betroffen sind die Länder der Dritten Welt. In der "roten" Gentechnik werden patentierte Medikamente und Heilverfahren die Preisspirale auf dem Gesundheitsmarkt noch beschleunigen. Als Marktzutrittsschranken dienen Patente dazu, potentielle Wettbewerber von der neuen Technologie auszu-schließen. Monsanto ist z.B in der Lage, über eine ihm gehörende Firma alle gentechnisch veränderten Baumwoll-Samen und -Pflanzen kontrollieren. Die Forscher, die das Schaf Dolly kloniert haben, verlangen die Exklussivrechte für den Besitz sämtlicher klonierter Tiere (klonierte Menschen einbegriffen).

    Verantwortungslose Wissenschaft - ohne ethische Kontrollinstanz
    Vordergründige wirtschaftliche Interessen und steigender Innovationsdruck sollen auch in Europa ethische Tabugrenzen bei der Patentierbarkeit von Leben durchbrechen. Kulturelle Normen, die Einengung von Verhaltensmöglichkeiten bzw. der Fähigkeiten des Menschen durch Moral werden von den Verfechtern der Theorie des globalen Marktes durchbrochen. Damit wird eine grundlegend veränderte wissenschaftliche Anschauung von Leben manifestiert, auf die das Prinzip Verantwortung für die Zukunft nicht mehr zutrifft. Wer verantwortlich handeln will, muß die möglichen Folgen seines Handelns überblicken, seine Möglichkeiten und Grenzen erkennen. Georg Picht (1968) in: Zukunft und Utopie: "Die Kluft zwischen dem Bewußtsein der modernen Forschung und dem öffentlichen Bewußtsein läßt sich auf der gegenwärtigen Stufe der Wissenschaft nicht mehr überbrücken. Deswegen entzieht sich das größte Machtpotential der heutigen Welt, das Potential der Wissenschaft, jeder politischen Kontrolle. Die Wissenschaft ist aber auch der Kontrolle durch die Wissenschaft selbst entzogen. Alle Erfolge der modernen Wissenschaft beruhen auf dem mit letzter Konsequenz auf die Spitze getriebenen Prinzip der Arbeitsteilung. Der riesige Apparat der modernen Forschung ist in unzählige Zellen aufgespalten, in denen kleine Gruppen von Eingeweihten, durch ihr Spezialwissen isoliert, ihr esoterisches Handwerk betreiben... sie vermögen nicht zu überschauen, wie ihre eigenen Resultate in das unkontrollierte Räderwerk des wissenschaftlichen Betriebes eingreifen... Die folgenreich-sten Auswirkungen der modernen Naturwissenschaft sind nicht die vorausberechneten und geplanten Effekte, sondern die unvorhergesehenen Nebenwirkungen."

    Gentechnik als unbeherrschbares Risiko
    Die Schwächen des menschlichen Umgangs mit komplexen Systemen gelten insbesondere für den Umgang mit Gentechnik. Wer ehrlich ist, muß zugeben, daß wir, verglichen mit den bereits vorgenommenen Handlungen, viel zuwenig wissen. Die derzeit zu beobachtende Entmoralisierung negiert unsere ethischen Verantwortung für die Zukunft unserer Ökosysteme, die bekanntlich im Zeitverzug reagieren. Es ist dringend notwendig, das Defizit zwi-schen wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und demokratischen Entscheidungen zu beheben.
    Die großen Versprechungen der Humangenetiker, den Menschen die Angst vor unheilbaren Krankheiten zu neh-men, gar den Tod zu besiegen, entbehren bis auf absehbare Zeit jeder Begründung, trotz massiver finanzieller Förderung der Forschungsprogramme. Leben und Tod gehören zusammen. Die Angst vor dem Tod wird besiegt in Gelassenheit, aus der Einsicht in seine Notwendigkeit als Verkehrsform des Lebens (Carl Amery: Die Botschaft des Jahrtausends, Von Leben, Tod und Würde).

    Inge Stenzel
    Arbeitskreis Gentechnik der GRÜNEN LIGA e.V.

    Die GRÜNE LIGA lehnt Gentechnik in allen Formen ab, weil sie Mensch, Tier und Umwelt mehr Schaden einbringt als zu nützen. Sie setzt am falschen Ende der Kette von Gesundheits- und Umweltpolitik sowie Reproduktionstechnologie an. "Für die vermeintliche Bekämpfung der globalen Umweltzerstörung und einer ungesunden Lebensweise taugt die riskante Biotechnologie auf Basis genetischer Manipulation nicht." So Inge Stenzel von der GRÜNEN LIGA. "Die Wissenschaft und die Industrie müssen endlich begreifen, daß die Natur nicht nach den Gesetzen einer Gruppe größenwahnsinniger Menschen kontrollierbar ist".

    Ansprechpartner:
    Oliver C. Pfannenstiel,
    Pressesprecher beim Bundesverband