Offener Brief an den BundeskanzlerSehr geehrter Herr Bundeskanzler Schröder,
ein leichtfertiger Umgang mit Atomkraft kann schwere Folgen haben. Diese Erfah-rung mußte die Menschheit spätestens nach der Reaktorkatastrophe von Tscherno-byl machen. Die Forderung nach einem sofortigen Ausstieg aus der Atomwirtschaft darf nicht auf die lange Verhandlungs-Bank geschoben werden. Die Reaktoren K2/R4 beinhalten nach ihrer Fertigstellung erhebliche Sicherheits-mängel. Die deutsch-französische Reaktorsicherheits-Gesellschaft RiskAudit identifizierte 1998 bei den Anlagen die Notwendigkeit für über 100 zusätzliche sicherheitstechni-sche Maßnahmen. Bis zur Inbetriebnahme werden nur wenige davon durchgeführt. Besondere Risiken stellen die äußere Sicherheitshülle (Containment) aus vorge-spanntem Stahlbeton ohne innere Stahlauskleidung, der mangelhafte Brandschutz, das Notkühlsystem, die Notstromversorgung, die Kraftwerksturbinen und die Spröd-sicherheit dar. Zudem fehlt WWER-1000-Anlagen ein zweites Abschaltsystem (Bor-säurespray). Diese Mängel und die Möglichkeit menschlichen Versagens enthalten das Risiko eines "zweiten Tschernobyls". Wir als GRÜNE LIGA e.V. appellieren an Sie, Herr Bundeskanzler, sich nicht dem Willen der westeuropäischen Atomindustrie zu beugen und aus dem Vertrag auszu-steigen, den die G7-Staaten mit der ukrainischen Regierung zur Zeit der alten Bun-desregierung geschlossen haben. Ein derartiger Vertragsbruch schadet der Mensch-heit weniger als die Risiken und Auswirkungen der Atomindustrie. Wir fordern Ihre deutliche Initiative gegen die o.g. Kreditvergabe an die Ukraine. Mit freundlichen Grüßen GRÜNE LIGA e.V.
Katrin Kusche, Berlin, 14. Juni 1999 |