„Es fehlen umfassendere Fragen an die Gentechnik“
Exklusiv-Interview über Gegenwart und Zukunft der Gentechnik
Die weltweite Entwicklung der Gentechnik läuft Gefahr, nur noch von Expertenseite überblickt und beurteilt werden zu können. Zu groß sind die Wissenslücken in der Bevölkerung und zu wenig greifbar sind die möglichen Folgen dieser Hightech-Wissenschaft.
Der Diskurs dreht sich hierzulande viel um gentechnisch veränderte Lebensmittel, um Pränataldiagnostik bzw. um die Anwendungen der Gentechnik in der Medizin. Immer wieder enden Diskussionen in solchen Fragen, wieweit die Forschung am Menschen ethisch zumutbar ist, ob gentechnisch veränderte Lebensmittel gekennzeichnet werden sollen bzw. welche Risiken von der Gentechnik für Mensch und Umwelt ausgehen können.
Beispielsweise anhand des Genmais sind mögliche Risiken für Mensch und Umwelt nicht sichtbar. Bisher galt in der EU für Lebensmittel und landwirtschaftliches Saatgut ein absolutes Verbot für Verunreinigungen mit nicht in der EU zugelassenen gentechnisch veränderten Organismen. In Brüssel wurden letztens der EU-Kommission zur Kennzeichnung und Nachweisbarkeit gentechnisch veränderter Lebensmittel Richtlinien vorgelegt, um eine Regelung für eine Toleranzgrenze für Lebensmittel-Verunreinigungen zu finden. Diese Grenze soll bei 1% liegen, was Umweltverbänden wie dem BUND viel zu hoch ist.
Fragen wie diese sollen zukünftig von einem Nationalen Ethikrat diskutiert werden, der kritische Einwände zu prüfen hat. Wir sind immer mehr auf ExpertInnenmeinungen angewiesen, um uns ein Bild über die beunruhigende Entwicklung jener Hightech-Wissenschaft zu verschaffen.
Die GRÜNE LIGA lehnt laut ihren Gentechnik-Grundsätzen jegliche Anwendung dieser Technologien ab. Um auf dem Laufenden zu sein und sich in aktuelle Diskussionen einzumischen, ist es absolut notwendig, auf dem Stand der aktuellen Entwicklungen zu sein. Mit dem nachfolgenden Exklusiv-Interview, das der 36-jährige Biologe und Wissenschaftsjournalist Volker Lehmann dem Alligator Ende Juli 01 gegeben hat, will ich einen kleinen Einblick in dieses brisante Thema geben.
Volker Lehmann arbeitet u.a. als Editor bei der Zeitschrift ‘Biotechnology and Development Monitor’, die an der Universität von Amsterdam erscheint (www.pscw.uva.nl/monitor). Dort hat er viele Jahre gelebt und gearbeitet. Er setzt sich in dieser Publikation mit den sozialen und ökonomischen Auswirkungen von Biotechnologien, vor allem auf Entwicklungsländer, auseinander. Hierzu hat er u.a. in Uganda und Lateinamerika recherchiert. Seit einem Jahr lebt und arbeitet er in New York, wo er neben der journalistischen Arbeit an einem Forschungsprojekt über Regionen biotechnologischer Innovationen mitwirkt.
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Alligator: Guten Tag, Volker Lehmann. Wie bist Du zu Deinem langjährigen Engagement für das Thema Gentechnik gekommen?
Volker Lehmann: Zwei Dinge kamen zusammen: Tschernobyl und der Beginn meines Biologiestudiums. Schon früher hatte mich die Fabrikation wissenschaftlicher Erkenntnis interessiert. Wisssenschaftler geben sich oftmals als Wahrheitsfinder aus, die in ingeniösen Versuchen der Natur ihre Geheimnisse abringen. ‘Natur’ und ‘Wissenschaft’ sind jedoch Konstrukte, die von ihrem gesellschaftlichen Kontext abhängen. Die Fragen, die gestellt werden, bedingen, welche Lösungen gefunden werden. Tschernobyl hat mir und vielen anderen vor Augen geführt, dass Atomenergie nicht die letzte Antwort auf die Frage der Energieversorgung sein kann. Dieselbe Skepsis hat mich die letzten 15 Jahre bei meiner Beschäftigung mit Biowissenschaften begleitet.
Alligator: Was macht den speziellen Reiz aus?
Volker Lehmann: Die Entwicklung und der Gebrauch von Technologien geben auch immer Aufschluss über Machtmechanismen, denen es auf die Spur zu kommen und an deren Mit- beziehungsweise Umgestaltung es zu arbeiten gilt. Konkret auf die Biotechnologie bezogen bedeutet dies, dass die Technologien an sich vielleicht weniger interessant sind als die Eigentums- und Konzentrationsprozesse, die mit ihnen einhergehen.
Alligator: Was ist Dein momentanes Schwerpunktthema bezüglich Gentechnik?
Volker Lehmann: Augenblicklich beschäftige ich mich vor allem mit den Verflechtungen von privater und öffentlicher Biotechnologieforschung in den USA.
Alligator: Wie sind die Meldungen über die Aufschlüsselung der menschlichen DNA zu bewerten? Ist das menschliche Erbgut tätsächlich geknackt, steht die Forschung kurz davor oder ist das ein großer Schwindel?
Volker Lehmann: Als die erste Arbeitsversion einer Karte des menschlichen Genoms im Juni letzten Jahres veröffentlicht wurde, meinte ein bei der Pressekonferenz anwesender Journalist: „Ich bin verwirrt. Sie haben 97 Prozent des Genoms kartiert, erst 85 Prozent entziffert, und nur 24 Prozent sind lesefertig. Warum veranstalten Sie eine Pressekonferenz?“ Man hatte damals nach zehn Jahren Arbeit einfach beschlossen, einen günstigen Augenblick zum Feiern gefunden zu haben.
Dank der Forschung am menschlichen Genom wurde eine wissenschaftliche Infrastruktur geschaffen, die es ermöglicht, unglaublich viele Daten anzusammeln. Mit der Abfolge der vier Basenpaare A,G,C,T wurde eine digitale Vereinheitlichung dessen etabliert, was ‘Leben’ zu sein hat, und diese Version von ‘Leben’ wurde damit auch computermäßig erfassbar. Das Interessante ist, dass sich die Wissenschaft nun, da die Sequenzierung dem Ende entgegen geht, so langsam eingestehen muss, dass die pure Ansammlung von Sequenzdaten ihnen keinen Aufschluss über die Funktion von Genen gibt, geschweige denn über die Wechselbeziehungen mit dem sie umgebenen Organismus und seiner Umwelt.
Alligator: Wie beurteilst Du die aktuelle Entwicklung in der Gentechnik-Forschung? An welchem Punkt steht die Forschung gerade? Vielleicht in Stichpunkten: welche Highlights kommen als nächstes?
Volker Lehmann: Die Sequenzierung des menschlichen Genoms ist vor allem eine computertechnische Glanzleistung, die den Trend für die Zukunft angibt, nämlich ein Zusammengehen von Informations- und Biowissenschaften. Nachdem Aufträge für die großen Rüstungsprojekte zurückgegangen sind, haben große Computerfirmen wie z.B. IBM jetzt eigene Biowissenschafts-Sparten aufgebaut und investieren hierin hunderte Millionen Dollar. Sie sehen die Zukunft in ‘Big Biology’, einer auf Rechnerleistung gestützten Großbiologie, die die mangelnde Aussagekraft von Daten durch noch mehr Daten zu überwinden versucht. Bisher sprach man von ‘Genomics’, der Wissenschaft von der Struktur und Funktion der Gene. Die neuen Zauberwörter heißen ‘Proteomics’ und ‘Phenomics’ und geben an, dass man in Zukunft nicht nur die Gene, sondern auch ihre Produkte (Proteine) und die Ausprägungsformen auf der Ebene von Organismen (Phenotyp) mit einbeziehen will. Zweifelsohne wird der hohe Forschungsaufwand auch zu Resultaten führen. Vielleicht sind es sogar, wie die Betreiber der Technologien behaupten, bessere Arzneimittel und Pflanzen, die höhere Ernten ermöglichen. Eine andere Frage ist allerdings, ob diese die globalgesellschaftlich am meisten benötigten Produkte sind und ob man sie nicht auch anders und billiger herstellen könnte.
Alligator: Scheinbar existieren in den verschiedenen Staaten viele unterschiedliche Auffassungen, was ein Mensch ist. Von welchem Menschenbild wird in der Forschung mehrheitlich ausgegangen? Ist der Mensch ein Lebewesen oder mehr?
Volker Lehmann: Tendenziell eher weniger. Für die biologische Forschung scheint der Mensch erst einmal eine biologische Ressource zu sein. Der Reduktionismus geht jedoch noch weiter, wenn Leben, wie wir gesehen haben, auf einen aus vier Basenpaaren bestehenden Code zurückgeführt wird. So wird das Leben des Menschen zu einer puren Informationsansammlung. Diese Betrachtungsweise erscheint besonders plausibel, weil wir uns in einer Informationsgesellschaft bewegen und mit dem Leben in virtuellen Realitäten bestens vertraut sind.
Alligator: Erliegt die Debatte um Gentechnik nicht einem plumpen Biologismus, der menschliche Eigenschaften, die sozialisationsbedingt sind, ver-biologisiert?
Volker Lehmann: Ja und nein. Einerseits werden wir permanent mit biologisch-genetischen Entdeckungen überschüttet und es vergeht kaum ein Tag, an dem wir nicht über Gen X lesen, das mit Krankheit Y in Zusammenhang gebracht wird. Andererseits wissen die Forscher selbst sehr gut, dass die Realität wesentlich komplexer ist. Francis Collins und Craig Venter zum Beispiel, die beiden führenden Figuren bei der Entschlüsselung des menschlichen Genoms, lassen mittlerweile keine Gelegenheit mehr aus um darauf hinzuweisen, dass der Mensch mehr als seine Gene sei.
Alligator: Wird Deines Wissens nach der geklonte „Supermensch“ kommen, der nie mehr krank wird und alle wünschenswerten biologischen Eigenschaften in sich trägt?
Volker Lehmann: Nein. Das wird bis auf weiteres unmöglich sein. Der Trend geht stattdessen zur ‘Eugenik von unten’. Je mehr genetische Tests zur Verfügung stehen, um so mehr werden Eltern ‘selbstbestimmt’ feststellen, ihren zukünftigen Nachwuchs nicht mit solchen feststellbaren Abweichungen belasten zu wollen und möglicherweise zur Abtreibung schreiten, oder zur genetischen Diagnose bei der Reagenzglasbefruchtung.
Alligator: Wie sieht diese Debatte in den USA aus? Wie steht im Land von Coca Cola, Hamburgern und niedrigen Wahlbeteiligungen die öffentliche Meinung zu gentechnisch veränderten Lebensmitteln? Gibt es dort auch Widerstand?
Volker Lehmann: Der Widerstand entwickelt sich langsam, aber er kommt, vor allem im Bereich Lebensmittel. Im letzten Jahr gelangte StarLink-Mais, eine nicht für den menschlichen Verzehr zugelassene Gentech-Sorte der Firma Aventis, in Lebensmittelprodukte der Firma Kraft. Das Unternehmen sah sich genötigt, ihre Produkte vom Markt zu nehmen und Aventis wendete hunderte Millionen Dollar auf, um den Mais aus dem Verkehr zu ziehen. Seitdem hat das Thema seinen festen Platz in den Medien und in der Öffentlichkeit gefunden. Auch wenn die herrschende Meinung immer noch pro-Gentechnologie ist, können Besorgnisse nicht mehr so einfach als ein Hirngespinst von Rinderwahnsinn-geschockten Europäern abgetan werden.
Alligator: Werden die Menschen aufgeklärt, welche Risiken (z.B. für Allergiker) sie mit sich bringt?
Volker Lehmann: Die Aufschriften auf jedem Lebensmittelartikel sprechen wirkliche Bände, darum sollte man meinen, dass an Informationen über Lebensmittel kein Mangel herrscht. Dennoch gibt es keine verpflichtende Richtlinie für die Kennzeichnung von gentechnisch veränderten Lebensmitteln. Zwei Drittel aller Mais-und Sojapflanzen in den USA sind gentechnisch verändert und da diese Pflanzen als Grundstoffe für Pizza bis Eis überall vorkommen, kann davon ausgegangen werden, das jeder Mensch in den USA gentechnisch veränderte Lebensmittel zu sich nimmt. Was dies jedoch für Allergiker bedeutet, ist nicht klar, denn das allergische Potential von gentechnisch veränderten Lebensmitteln ist weiterhin ungeklärt.
Alligator: In der BRD gab es kleine Teilerfolge, den weiteren Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen lokal zu be- oder verhindern. Trifft das in den USA auch zu?
Volker Lehmann: Die militante Umweltschutzbewegung Earth Liberation Front hat sich mittlerweile zu Aktionen gegen Gentechnologie-Forschungseinrichtungen bekannt.
Alligator: Wie wichtig ist im Land der Todesstrafen und hohen Mordraten die Diskussion um Gentechnik als Schlüssel für „lebenswertes Leben“? In welchem Land hast Du die kritischste Auseinandersetzung und die heftigsten Reaktionen mit Gentechnologie erlebt/mitbekommen? In den USA? In der BRD? Anderswo?
Volker Lehmann: Die USA ist zwar mit dem Stigma der Todesstrafe geschlagen, für die Diskussion um ‘lebenswertes Leben’ ist jedoch die Geschichte der Euthanasie entscheidender.
Vergleichen wir die USA mit der BRD, wird deutlich, dass das kritische Potential aufgrund der besonderen Geschichte in der BRD größer ist, was mit der Zusammensetzung der Bewegungen zu tun hat. In der BRD ging die kritische Gentechnologie-Diskussion seit Beginn der 80er Jahre von zwei Gruppierungen innerhalb des progressiven politischen Spektrums aus. Ausgehend von der Erfahrung mit Wissenschaft im Nationalsozialismus waren dies einerseits Behindertengruppen. Andererseits problematisierte die feministische Bewegung Gen-und Reproduktionstechnologien, die als Angriff auf die körperliche Integrität der Frau gesehen wurden.
Anders in den USA: Dort widmeten sich Behindertengruppen vor allem den Interessen der Vietnam-Veteranen. Gleichzeitig hat die feministische Bewegung neue Technologien tendenziell begrüßt, weil sie als Mittel der weiblichen Selbstbestimmung gegen die Fremdbestimmung der Abtreibungsgegner gesehen wurden. Stärke und Militanz der amerikanischen Lebensschützer sind ein entscheidender Faktor im politischen Gefüge der USA. Gentechnologie-kritische Stimmen haben es weiterhin schwer, deutlich zu machen, warum sie gegen technologische Zugriffe auf den Embryo sind, ohne jedoch das Recht der Frau auf Selbstbestimmung in der Abtreibungsfrage zu untergraben.
In England hat Letztere vor zwei Jahren einen regelrechten Boom erlebt, und Nacht-und-Nebel-Rodungen von Gentech-Versuchsflächen wurden zu einer Art Volkssport. Sieht man sich jedoch die Begründungen an, so trifft man auf eine gewisse mythologische Verklärung von Naturbelassenheit. Verallgemeinernd lässt sich sagen, dass die Kritik an der ‘roten’ medizinischen Anwendung von Biotechnologien von einem wesentlich tiefergehenden Politisierungsgrad gekennzeichnet ist, als das bei der ‘grünen’ Anwendung der Fall ist.
Alligator: Was wird uns die nächsten Jahre mit diesem Thema bescheren? In der BRD ist die Entwicklung der Gentechnikkonzerne ins Rollen geraten. Wird die BRD in dieser Hinsicht gegenüber den USA eine Vorreiterrolle einnehmen oder ist das Verhältnis umgekehrt? Wo boomt es mehr?
Volker Lehmann: Deutschland hat dank massiver staatlicher Förderung aufgeholt und ist in Europa neben England führend. Die Landschaft der Biotechnologiekonzerne in den USA ist jedoch weiterhin 7 bis 8 Jahre weiter fortgeschritten. Im Unterschied zu Europa, wo man bei Biotechnologiekonzernen an die großen Pharma- und Agrarfirmen wie Bayer und Aventis denkt, ist die Konzernszene der USA vor allem von Klein- und mittelständischen Unternehmen geprägt, die ein höheres Innovationspotential haben. Sie werden oft durch ehemalige Universitätsangestellte gegründet, die Risikokapital anwerben und die Firma später an die Börse bringen. Dieses Modell wird mittlerweile auch in Europa eifrig kopiert, obwohl nur ein Zehntel dieser US-Biotechnologiefirmen Gewinne erwirtschaften. Nicht zuletzt aufgrund der Internetfirmenzusammenbrüche sind Finanzgeber in den USA mittlerweile kritischer geworden, Hochtechnologien das Geld in der Hoffnung auf zukünftige Gewinn-erwartungen hinterher zu werfen. Viele amerikanische Biotechnologie-Firmen haben darum mittlerweile eine Europäische Zweigniederlassung, um die Kapitalquellen vor Ort anzuzapfen.
Alligator: Wieviel Geld wird jährlich in die Forschung in den USA bzw. in der BRD investiert?
Volker Lehmann: Die Bundesregierung weist im Haushalt für dieses Jahr 100 Millionen DM für den Aufbau eines ‘nationalen Genomforschungsnetzes’ auf, welches die BRD in der staatlichen Förderung der Genomforschung auf Platz 1 in Europa und weltweit auf Platz 2 hinter die USA rücken soll. Weitere 500 Mio. DM werden in andere biotechnologische Forschungsbereiche investiert. Im Vergleich dazu liegt der öffentliche Forschungsetat für alle Biotechnologien in den USA bei über 4 Milliarden US-Dollar. Die Summen, die private Firmen in Forschung und Entwicklung investieren, sind sicherlich noch mindestens dreimal größer. Oftmals haben z.B. mit Medikamentenentwicklung zu tun und werden nicht extra als ‘Gentechnologie’ ausgewiesen, darum sind zuverlässig vergleichbare Zahlen schwer erhältlich.
Alligator: Kannst Du Auskunft darüber geben, welchen Stellenwert die Gentechnik in der sog. Dritten Welt einnimmt bzw. wie dort die Entwicklung (z.B. in afrikanischen Staaten) aussieht?
Volker Lehmann: In den meisten Entwicklungsländern ist die Landwirtschaft weiterhin der wichtigste Wirtschaftszweig, darum hat Gentechnik darauf prinzipiell den größten Effekt. Wenige Länder haben jedoch die wissenschaftliche Infrastruktur, um die Technologien selbst zu entwickeln. Eine Ausnahme ist Kuba, wo mithilfe der grünen Gentechnologie versucht wird, die Probleme der eigenen Landwirtschaft in den Griff zu bekommen.
Alligator: Bezüglich pharmakologischer Forschung waren viele Menschen in der sog. Dritten Welt in den letzten Jahrzehnten Versuchskaninchen für Arzneimittel. Gibt es ähnliche Tendenzen in der Gentechnik?
Volker Lehmann: Nein. Pharmakologische Forschung orientiert sich vorrangig an den lukrativeren Märkten der reichen Industrieländer und deren Produkte. Es macht deshalb keinen Sinn, Medikamente gegen Diabetes, eine typische Zivilisationskrankheit, an unterernährten Afrikanern zu testen.
Alligator: Regt sich auch in diesen Ländern Widerstand?
Volker Lehmann: Ja, auf zweierlei Ebenen: Einmal gegen bestimmte Technologien, die die Jahrtausende alte Praxis der Saatgutgewinnung gefährden. Das berühmteste Beispiel ist die ‘Terminator’-Technologie. Pflanzen, in die ein Terminator-Gen eingebaut ist, können zwar ganz normal geerntet werden, aber diese Ernte ist steril und kann nicht mehr als Saat wiederverwendet werden. Bauern in Entwicklungsländern wären dadurch gezwungen, jährlich neues Saatgut zu kaufen. Proteste in Indien gegen eine der großen transnationalen Saatgutfirmen, Monsanto, haben mit dazu beigetragen, dass die Firma vorerst öffentlich von solchen Technologien Abstand genommen hat.
Andererseits richtet sich zunehmender Unmut gegen die allgemeine Macht der Patente. Aufgrund des weltweiten Protests sahen sich internationale Pharmakonzerne gezwungen, ihre Klage gegen die südafrikanische Regierung fallen zu lassen. Sie wollten verhindern, dass die Regierung billigere AIDS-Medikamente einführt, weil dies die Patente auf Medikamente unterwandert. Dieser Fall ist auch für gentechnische Produkte wichtig, denn die sind in der Regel durch internationale Patente abgesichert und werden nur in solchen Ländern zur Verfügung stehen, die sich zur Einhaltung der Patentrechte verpflichten.
Alligator: Wie beurteilst Du die Gentechnik-Grundsätze der GRÜNEN LIGA? Was feht? Was ist fragwürdig? Was würdest Du anders formulieren bzw. ergänzen?
Volker Lehmann: Ich würde mir wünschen, dass die GRÜNE LIGA in ihren Grundsätzen auch die Anwendung von Gentechnologie in Entwicklunsländern kritisch hinterfragt.
Alligator: Wie beurteilst du die Debatte von Gentechnik-GegnerInnen; hier und in den USA? Ist sie zu emotional und fachlich unausgereift oder kann sie der Forschung ein qualifiziertes Kontra geben?
Volker Lehmann: Mich erstaunt immer wieder – sowohl in Deutschland als anderswo – warum sich so viel Protest gegen gentechnisch veränderte Nahrungsmittel regt, während oftmals dieselben Personen keinerlei Beschwerden gegen dieselben technologischen Eingriffe haben, wenn es um medizinische Anwendungen geht. Meiner Meinung nach wird hier den Machbarkeitsversprechungen der Betreiber aufgesessen.
Alligator: Etwas Provokantes zum Schluss: Bringt die Gentechnik der Menschheit mehr Segen oder mehr Verderben?
Volker Lehmann: Wahrscheinlich beides. Aber je länger ich mich mit dem Thema beschäftige, um so mehr relativiert sich für mich das Potential der Technologien an sich, sowohl im Positiven wie im Negativen. Wenn man der Auffassung ist, dass Technologien von ihrem gesellschaftlichen Kontext definiert sind, so stellt sich die Frage differenzierter. Technologische Lösungen zu bedenken für Probleme, die sozialer Natur sind, ist kein neues Phänomen und Gentechnologie ist in diesem Sinne nur ein vorläufig letzter Schritt einer technologischen Entwicklung. Positiv begriffen ist sie jedoch auch ein Teil der Aufklärung, dessen Infragestellung man sich jedoch nicht als ein naives ‘zurück zur Natur’ vorzustellen hat.
Alligator: Ist der Zug Deiner Meinung nach schon abgefahren, die Gentechnik so zu stoppen, wie das hierzulande mit der Atomkraft passiert?
Volker Lehmann: Im Gegensatz zur Atomkraft ist die Gentechnik keine zentralistische Großtechnologie, die sich in Betonbunkern manifestiert, und sie verursacht meistens auch keine Züge, vor die man sich setzen kann. Einfach stoppen wird sich die Gentechnik also nicht lassen, eine Einflussnahme auf den Verlauf der Technologien kann ich mir im positiven Fall eher als ein schrittweises Zurückdrehen vorstellen, welches mit der Diskussion und Förderung von Alternativen einhergehen müsste.
Alligator: Was hältst Du vom nationalen Ethikrat? Ist er eine realistische Interventionsmöglichkeit oder gar ein Feigenblatt, das über die tatsächliche Macht der Gentechnik-Industrie hinwegtäuscht?
Volker Lehmann: Ich würde seine Rolle nicht ausschließlich in Bezug auf die Industrie definieren, denn Genforschung lässt sich nicht allein aus Kon-zerninteressen ableiten. Forschungsinstitutionen und ihre Lobby haben ihre eigenständigen Interessen, die nicht immer mit denen der Industrie übereinstimmen (beispielsweise was Patente betrifft, gibt es deutliche Unterschiede, denn Forschung wird hierdurch eher behindert als gefördert). Die Art und Weise, wie der Ethikrat eingesetzt wurde, lässt die Vermutung aufkommen, dass es sich hierbei um ein Forum handelt, das diskursiv das Terrain für die Ausweitung von Forschung zu bereiten hat. Man darf gespannt sein, wie sehr sich die kritischen Mitglieder unter ihnen für so eine Strategie hergeben.
Alligator: Was rätst Du Gentechnik-GegnerInnen für die Zukunft?
Volker Lehmann: Der sich augenblicklich an gentechnisch veränderten Nahrungsmitteln entzündende Unmut wird auf Dauer nicht tragfähig sein, wenn er sich auf reine Sicherheits- und Gesundheitsaspekte beschränkt. Dies führt meiner Meinung nach in eine technokratische Sackgasse, die sich um Debatten über Kennzeichnungspflicht und alternative Konsumstrategien erschöpft. Die Kritik wird nur dann eine nachhaltige Wirkung entfalten, wenn sie umfassendere Fragen an die Gentechnik stellt. Beispielsweise, welche Werte und Wahrheitsannahmen sie transportiert und zu welchen Machtverhältnissen dies im Umgang von Menschen miteinander und ihrer Umwelt führt.
ocp: Vielen Dank für das Interview!
Das Interview führte Oliver C. Pfannenstiel
Red. Alligator
Kontakt Volker Lehmann: www. europeanmedia.de
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