Der Unterschied zwischen Halle und München oder: Wie ein Lobby-Gutachten einen Stadtratsbeschluss vereitelteDie Sitzung der halleschen Stadträte am 27.10.99 hat keinen Beschluss darüber gefasst, dass auf städtischen Agrarflächen keine gentechnisch veränderten Organismen (GVO) und in städtischen Landwirtschaftsbetrieben keine Futtermittel aus GVO verwendet werden und hat das Problem in den Umweltausschuss verwiesen.
Der hallesche Oberbürgermeister stützt sich in der ablehnenden Stellungnahme
der Verwaltung auf ein Gutachten (GA) des Technologie- und Gründerzentrums
(TGZ) v. 21.10.99. Er bezieht sich dabei Anders lief die Aktion in München. München hat im Februar 99 als erste Stadt im Bundesgebiet einen Beschluss "Landwirtschaft ohne GT" gefasst und festgelegt: "Die städtischen Güter verwenden auch künftig weder Saatgut noch Futtermittel, die gentechnisch verändert wurden. Die Richtlinien für die Biobetriebe schließen die Verwendung gentechnisch veränderter Produktionsmittel ohnehin aus. Bei Futtermitteln werden nur selbsterzeugte, bzw. aus der Region stammende nachweislich gentechnikfreie Produkte eingesetzt. Bei der Neuverpachtung von landwirtschaftlichen Flächen werden künftig Pächter bevorzugt, die auf die Verwendung von transgenem Saatgut verzichten. Bei bereits laufenden Pachtverhältnissen wird versucht, mit den Pächtern einen entsprechenden Verzicht zu vereinbaren. Die Kampagne "Keine Gentechnik auf kommunalen Flächen" des Bund Naturschutz wird gemäß den Feststellungen zu den Punkten 1 und 2 unterstützt."
Im Münchner Stadtrat hat der Bund Naturschutz offenbar die Lobby wie in Halle
das Technologie- und Gründerzentrum zur Förderung der biotechnologischen
Wissenschaften, insbesondere der Gentechnik. Das Gutachten des TGZ ist
gleichsam als Schutzschild für perspektivische Arbeiten zu verstehen. Mit
folgenden Argumenten wird darin die Initiative der HAL-Fraktion vom Tisch
gefegt: Zum allergenen Risiko wird ausgeführt, dass "durch die modernen gentechnischen Methoden vielmehr die für die Allergenität verantwortlichen Eiweißsequenzen aus Kulturpflanzen entfernt werden. So gibt es in Japan bereits durch Gentechnik hergestellten allergenfreien Reis für Reis-Allergiker und in Amerika allergenfreies Soja für Soja-Allergiker". Die "Reis-Nachricht" stützt sich auf eine Mitteilung des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (BML): Die Grüne Gentechnik. Landwirtschaft heute. 1997. "Richtig ist, dass diese Aussage jeder Grundlage entbehrt. Auf Anfrage teilte das Mitsui Plant Biotechnology Research Institute in Japan mit, dass eine solche Pflanze nicht existiere und das Projekt eines nicht allergenen Reises wieder aufgegeben wurde. Zur Begründung führte der Wissenschaftler Yuichi Tada aus, dass Reis eine Vielzahl von allergen wirkenden Inhaltsstoffen enthält. Schon die Versuche, die Bildung einzelner Allergene dauerhaft zu unterbinden, waren nicht erfolgreich." (Markus Raubuch: "Die Grüne Gentechnik" - Zukunftstechnologie mit geringem Risiko? Aus: Landwirtschaft 99. Der kritische Agrarbericht. Daten, Berichte, Hintergründe. Positionen zur Agrardebatte. Hg.: Agrarbündnis). Raubuch berichtet weiter über die noch nicht erfolgreich abgeschlossene Geschichte der Züchtung einer anderen transgenen Reissorte, die das Provitamin A bildet und im Korn einlagert und vom BML als bahnbrechender Erfolg für 200 Millionen Menschen in Entwicklungsländern, die unter Vitamin A-Mangel leiden, gefeiert wurde (1997). "Richtig ist, dass nach Angabe der Schweizer Arbeitsgruppe dieses Projekt noch weit davon entfernt ist, erfolgreich abgeschlossen zu sein. Verschwiegen wird, dass der Vitamin A-Mangel in vielen Regionen erst aufgetreten ist, als aufgrund wirtschaftlicher Interessen die traditionelle, vielfältig ausgerichtete Landwirtschaft einer Intensivlandwirtschaft mit Monokultur gewichen ist. Unklar ist darüber hinaus, ob der Vitamin A-Reis als Lebensmittel genießbar sein wird. Sollte er einmal als Nahrungsmittel zur Verfügung stehen, so muss bei dem Verzehr die Gefahr einer Überdosierung ausgeschlossen sein" (Raubuch a.a.O.). Im Gegensatz zur Grundidee von Langzeituntersuchungen, die schleichende Wirkungen bzw. Anzeichen dafür erfassen sollen, ob ökologische und gesundheitliche Effekte vorhanden sind, basiert die These von der Sicherheit GVO auf der Vorstellung, dass bislang in relativ kurzen Zeiträumen in Labor- bzw. Gewächshausumgebung wenig Effekte feststellbar waren. In einem Nachtrag vergleicht der TGZ-Gutachter in seiner Eigenschaft als Bürger der neuen Bundesländer den von der HAL-Fraktion in den Stadtrat eingebrachten Antrag über das Einsatzverbot GVO auf städtischen Agrarflächen mit der in der DDR geübten Beschlusspraxis durch die Machtorgane von Partei und Staat. Er schließt mit den Worten: "Ich habe mir von der Wende versprochen, dass in Zukunft überzeugt wird, statt verboten. Ich bin enttäuscht, dass führende Mitglieder von Bündnis 90 dies anders sehen. Eine Organisation, die in das alte Horn stößt, brauche ich nicht und viele andere Menschen brauchen sie auch nicht" (Lukas, TGZ).
Ein Unfehlbarkeitsurteil, das betreten macht über die Unfähigkeit, die eigene
Überzeugung infrage zu stellen, z.B. durch wachsende Vorbehalte in
EU-Mitgliedsstaaten angesichts bestehender Unsicherheiten über die Folgen der
Ausbringung von Transgenen in die Umwelt. Im Gegensatz zu Deutschland, wo
immer noch einseitig auf GT orientiertes Denken vorherrscht, greift in
Frankreich, Österreich, Dänemark, Italien, Griechenland, Luxemburg ein
Nachdenken über
Niemand von denen, die heute die Macht auf ihrer Seite haben, spricht von dem
"Nichtwissen" über Folgen aus Freisetzungen von GVO. Ulrich Beck, (Autor von
"Risikogesellschaft") und Professor für Soziologie an der
Maximilian-Universität in München sagt: "Dieses Mal sind wir mit einer
biologischen Hybris konfrontiert. Immer wieder wird erzählt, dass Genetik, die
Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts, auf dem Wege ist, das Leben zu
verlängern, Krankheiten zu besiegen und den Hunger in der Welt zu überwinden.
Aber dieses Werbeversprechen beruht auf der falschen Prämisse, dass wir
wissen, was wir tun. Das Gegenteil ist richtig: Keiner kennt die Folgen und
Nebenfolgen gentechnischer Erfolge. Daher müssen Wissenschaftler vor allem
eins tun: über ihre Unsicherheit öffentlich Rechenschaft ablegen, diese
anerkennen und bekennen - was immer die professionellen, finanziellen und
politischen Implikationen sind. Das wissenschaftliche Ethos erfordert es,
diese Zweifel einer größeren Öffentlichkeit darzulegen. Viel zu viele
Stellungnahmen namhafter Wissenschaftler missachten diese Verantwortung.
Geschieht dies, endet damit sicher nicht der Risikokonflikt, aber es könnte
eine Debatte beginnen, in welcher die Beziehungen zwischen Wissenschaft,
Wirtschaft und Demokratie neu bestimmt und abgestimmt werden müssen" (aus SZ
v. 3./4.7.99). Orientierungshilfen zu GT in der Landwirtschaft, vorwiegend aus: Landwirtschaft 99. Der kritische Agrarbericht, M.Raubuch: Die "Grüne Gentechnologie" Zukunftstechnologie mit geringem Risiko?, S. 222-228
1. GT ist nicht gleich Biotechnologie. Eine Vermischung der Begriffe dient
der Akzeptanzerhöhung.
16.11.99
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