Gedanken zum Gesprächsabend im Evangelischen Büro am 22.05.2006Betr. Einladung des Oberkirchenrates Albrecht Steinhäuser und der Evangelischen Akademie Wittenberg zum Thema:Nachhaltigkeit dank Grüner Gentechnik? Magdeburg, den 18.05.2006: Die GRÜNE LIGA hat sich relativ früh mit dem Thema Gentechnik befasst, und die Entwicklungen auf den Gebieten Landwirtschaft und Ernährung (Grüne Gentechnik) und Biomedizin/Humangenetik (Rote Gentechnik) kritisch begleitet. Der Verband entschied sich bereits 1999 in einem Positionspapier zu Gentechnik und Bioethik, diese Technologie abzulehnen, weil sie als Risikotechnologie einzustufen ist und einen Lebensstil fördert, der mit den Grundsätzen des Verbandes nicht vereinbar ist. Die Entwicklung hat den Verband in seiner kritischen Haltung bestärkt. Eingriffe in das Genom sind nicht beherrschbar. Sie verlaufen weitgehend unkontrolliert, weil die Komplexität der Pflanzenzellen lineare Wirkungsweisen: Einschleusung eines Gens - ein Effekt, nicht zulässt. Zellen, die Abwehrstoffe gegen Schädlinge produzieren, sind evolutionsgeschichtlich darauf angelegt, Unbekanntes hervorzubringen. "Das System ist dafür gebaut, chemische Vielfalt zu produzieren. Wer es manipuliert, erhält zwangsläufig unvorhersehbare Ergebnisse" (Richard Firn, Pflanzenphysiologe der University of York, in Der Spiegel, 50/2005). Fütterungsversuche von Arpad Pusztai (1999 Biochemiker am Rowett-Forschungsinstitut in Aberdeen) an Ratten mit Kartoffeln, denen ein Schneeglöckchen-Gen eingefügt war, ergaben frühzeitig, dass die Tiere krank wurden (Schäden am Immunsystem und Wachstumsstörungen verschiedener Organe, Info des GeN-ethischen Netzwerks e.V. v.18.05.99). Pusztai wurde diffamiert. Der Fall Pusztai wurde zum Symbol einer Auseinandersetzung, inwieweit Wissenschaftler unter dem Einfluss immer stärker werdender industrieller Einflüsse unabhängig arbeiten können (raum&zeit 140/2006, S.60). An gleicher Stelle wird berichtet, dass australische Forscher der Forschungsorganisation CSIRO bei Untersuchungen von genveränderten Erbsen, die durch Einbau eines für Säugetiere verträglichen Bohnen-Gens resistent gegen den Erbsenkäfer gemacht waren, entdeckten, dass auch das Immunsystem von Mäusen geschädigt wurde, nachdem sie von den Erbsen gefressen hatten. Im Laufe der Jahre hat es wiederholt derartige "Überraschungen" gegeben, die von der Gentech-Industrie übergangen wurden. So wurde u.a. die gentechnisch riskante Maissorte MON 863 von der EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit zur Verfütterung an Tiere zugelassen. In SPIEGEL online, 12.11.2005 wurde festgestellt, dass zurzeit fünf genmanipulierte Produkte in Europa zugelassen sind. Gentechnisch veränderte freigesetzte Mikroorganismen sind nicht rück-holbar. Sie werden damit auf nicht erwünschte Weise nachhaltig. Durch Pollenflug mittels Wind- und Insektenbestäubung und horizontalen Gen-transfer ist eine Koexistenz zwischen genveränderten und unveränderten Sorten unmöglich. Bevölkerungsbefragungen bezüglich der Akzeptanz genmanipulierter Nahrungsmittel haben wiederholt ergeben, dass 75% der Befragten solche Nahrungsmittel ablehnen. Es ist nicht nachvollziehbar, dass gegen den Willen der Bevölkerung an dem Thema Grüne Gentechnologie festgehalten wird und dass sich besonders Sachsen-Anhalt brüstet, Vorreiter auf dem Gebiet der sog. Biotechnologien zu sein. Nachdem die angestammten Industrien zusammengebrochen sind, wird eine Technologie massiv gefördert, die dem eigentlichen Sinn des Wortes "Nachhaltigkeit", als einem Vermächtnis, künftigen Generationen uneingeschränkte Lebensmöglich-keiten zu hinterlassen, gerade nicht entspricht. Grüne Gentechnik kann die Erhaltung der Sortenreinheit nicht garantieren, und sie will es auch nicht, weil die Industrie auf finanziellen Gewinn ausgerichtet ist. Was für die Landwirtschaft gilt, ist ebenso gültig in dem Bereich nach-wachsender Rohstoffe: Genveränderte Mikroorganismen "verschmutzen" die im Laufe der Evolution etablierten Arten. Dieser Vorgang ist "absolut nachhaltig" im entgegengesetzten Sinn, unbeherrschbar weil unvorhersehbar. Jeder Eingriff in natürliche Ökosysteme hat auch Auswirkungen auf den Menschen, oft erst nach Jahren. Dies rechtzeitig zu bedenken, ist Gegen-stand der Umweltethik. Es ist daran zu erinnern, dass die Allergieer-krankungen auf einen hohen Level angestiegen sind, weil das Immunsystem des Menschen mit der zunehmenden Umwelt- und Innenwelt-verschmutzung nicht mehr Schritt halten kann.v In der Zeitschrift Gen-ethischer Informationsdienst GID (Nr. 174, Feb./März 2006, S.3) wird berichtet, dass 23.000 Bauern mit einer landwirtschaftlichen Nutzfläche von 805.000 Hektar in den vergangenen 2 Jahren erklärt haben, dass sie keine Gentechnik auf ihrem Acker wollen. Sie haben sich freiwillig verpflichtet, keine Gentechnik einzusetzen. In Deutschland gibt es deshalb inzwischen 85 gentechnikfreie Regionen. Hintergrund dieser Entwicklung ist die wachsende Einsicht, dass gentechnikfreie landwirtschaftliche Produkte ein unschätzbares Markenzeichen künftiger landwirtschaftlicher Entwicklung sind. Die Regierung Sachsen-Anhalts wäre gut beraten, die massive Förderung der Biotechnologie zu Gunsten der gentechnikfreien nachhaltigen Landwirtschaft zu regulieren. Vor diesem Hintergrund bestehen für die GRÜNE LIGA keine Möglichkeiten für die gewünschte "Annäherung der Auffassungen". Als Netzwerk ökologischer Bewegungen sieht sich der Verband in der Pflicht, einen Lebensstil zu fördern, der tatsächlich nachhaltig ausgerichtet ist - auf den verantwortlichen Umgang mit Natur als einem lebendigen Ganzen, von dem der Mensch ein Teil ist.
Ingeburg Stenzel
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