Insektensterben Glyphosat und Futternot machen Hummelnester kalt

bienenundblumenbildNABUBeim anhaltenden Insektenschwund weltweit hat bekanntermaßen der Mensch seine Finger im Spiel: Da wo Lebensräume zerstückelt werden, wo regionalfremde einheimische Arten verdrängen, oder wo intensive Landwirtschaft betrieben wird, verschwinden Arten, gerät das ökologische Gleichgewicht aus dem Lot und verursacht viele kleine, auf den ersten Blick unsichtbare Kettenreaktionen. Spielt Glyphosat dabei auch eine Rolle?

Bei Nahrungsknappheit sinkt in den Brutnestern von Ackerhummeln, die Glyphosat aufgenommen haben, die Nesttemperatur. Das zeigt eine Studie aus Deutschland.

Wie wirkt Glyphosat?

In der im Fachmagazin "Natur Science" vorgestellten Arbeit wurden 15 Hummelkolonien untersucht, die aufgeteilt wurden. Das Team um Anja Weidenmüller an der Universität Konstanz hatte mit der weit verbreiteten Dunklen Erdhummel (/Bombus terrestris/) gearbeitet. Jeweils eine Hälfte einer Kolonie bekam täglich reines, die andere Hälfte mit fünf Milligramm Glyphosat pro Liter versetztes Zuckerwasser, die Königinnen wechselten regelmäßig die Seite. Die Forschenden fanden zweierlei heraus: Zum einen bebrüteten Hummeln aus den mit Glyphosat behandelten Gruppen den Nachwuchs tendenziell kürzer. Und bei Nahrungsknappheit sank bei den Glyphosat-Gruppen die durchschnittliche Nesttemperatur, nur in drei Viertel der Zeit wurde eine Temperatur über 28 Grad gehalten. Warum das so ist, ist nicht geklärt.

Nest zu kalt, sieht's Hummelvolk alt aus

Es sei zwar bekannt, dass Insektizide die Thermoregulierung von Hummeln und anderen Bienen beeinträchtigen könnten, sagt Dr, Dimitry Wintermantel, Landschaftsökologe an der Uni Freiburg über die Studie: "Dass dies aber auch bei einem Herbizid auftritt, ist meines Wissens bisher unbekannt gewesen." Bisher war nur bekannt, dass Glyphosat indirekt auf die Tiere wirkt, indem es den Stoffwechsel zwischen Insekten und bakteriellen Partner beeinträchtigt. Das führt laut Forschungen der Uni Jena https://www.mdr.de/wissen/pflanzenschutzmittel-glyphosat-schadet-insekten-100.html dazu, dass die betroffenen Insekten, im konkreten Fall Getreideplattkäfer, anfälliger für Trockenheit und Fressfeinde wurden.

Aber warum ist das ein wichtiger Fund? Temperatur ist ein wichtiger Faktor für die Insektenentwicklung, so auch bei den Hummeln. Durch das Zusammenziehen von Muskeln erzeugen sie die nötige konstante Brutwärme, dafür brauchen sie aber viel Energie, die sie nur herstellen können, wenn viel Futter da ist. Da Hummeln in kleinen, einjährigen Kolonien mit wenigen hundert Exemplaren auftreten (nur die Königinnen überwintern), können kleine Schwankungen leicht zum Ausfall ganzer Hummelkolonien führen. Was wiederum fatal ist, da Hummeln zum Beispiel im Tomatenbau gezielt für die Bestäubung eingesetzt werden.

 

Wie wertet die Wissenschaft das neue Hummel-Wissen?

"Eine methodisch gute gemachte Studie," , sagt Professor Dr. Axel Hochkirch, Naturschutzbiologe an der Uni Trier. Zu kritisieren sei lediglich, dass in der Studie reines Glyphosat verwendet wurde und nicht die (meist schädlicheren) Mischungen, die tatsächlich im Pflanzenschutz eingesetzt werden, wie zum Beispiel "Roundup". Dem widerspricht der Freiburger Forscher Wintermantel: "Die verfütterte Glyphosat-Konzentration entspricht dem, was Hummeln im Feld ausgesetzt sein können." Ob solche Effekte in der Realität auftreten, noch dazu, mit einer kontinuierliche Exposition von mehreren Wochen, sei unwahrscheinlich, zweifelt Forscher Wintermantel, da die Wildpflanzen, auf denen Glyphosat ausgebracht wird, nach wenigen Tagen absterben.

Professorin Dr. Teja Tscharnke, Agrarökologin an der Uni Göttingen, sagt: "Diese Ergebnisse zeigen erstmals, dass ein Herbizid wie Glyphosat eine ähnlich schädliche Wirkung auf die Temperaturregulation von Hummeln hat, wie es von Insektiziden – namentlich den Neonicotinoiden – bekannt ist. Diese Ergebnisse sind ein weiterer Beleg dafür, dass nicht nur Insektizide, sondern auch Herbizide und Fungizide einen negativen Einfluss auf Vitalität, Lebensdauer und Reproduktion von Insekten haben können."

 

Umstritten: Das Studiendesign

Ihnen allen widerspricht Dr. Wintermantel: Das Studiendesign erlaube nur bedingt Rückschlüsse von Glyphosat-Auswirkungen auf die Entwicklung des Hummelvolkes, u.a. da die Königin täglich zwischen Glyphosat- und Nicht-Glyphosatgruppe wechseln musste, die Anzahl der Arbeiterinnen regelmäßig angepasst wurde und die Hummeln keine Nahrung heranschaffen konnten. Gerade das, mutmaßt der Freiburger Forscher Wintermantel, könnte besonders relevant sein, da die negativen Auswirkungen auf die Wärmeregulierung nur bei Ressourcenarmut aufträten.

Biologe Prof. Dr. Randolf Menzel vom Institut für Biologie in Berlin hält dagegen, auch in der Natur komme es häufiger zu einer Abwesenheit der Königin in ihrer Kolonie: "Laboruntersuchungen sind in diesem Zusammenhang besonders bedeutsam, weil sie zu jeder Zeit in vergleichbarer Weise durchgeführt werden können. In dieser Hinsicht gehen diese Studien weit über die bisherigen hinaus und stellen einen Durchbruch bei der Beurteilung von Pestizidwirkungen und besonders des Herbizids Glyphosat dar." Das Design der Experimente, die Tatsache, dass Bedingungen getestet wurden, die unter natürlichen Bedingungen die Resilienz der Einzeltiere und der Kolonie beeinträchtigen, wie Ernährungszustand, Stressoren wie Futtermittelknappheit, machen die Laboruntersuchungen zu einem Abbild der Hummelwelt, sowohl auf der Einzeltier-Ebene wie der der Kolonie. Für ihn tragen die Untersuchungen wesentlich zur Beurteilung der Wirkung von Glyphosat auf soziale Insekten bei und gingen weit über das hinaus, was bisher zu dieser Problematik an Daten vorliege.

 

Kleinere Felder, größerer Nutzen für die Natur

Apropos Ressourcenknappheit? Sind Blüten Mangelware in Feld und Wald? Der Trierer Wissenschaftler Axel Hochkirch bejaht: "Das spielt für viele Bestäuber eine zunehmend wichtigere Rolle. Durch Veränderung der landwirtschaftlichen Wirtschaftsweise und Überdüngung der Landschaft werden vermehrt Gräser gefördert, so dass gerade im Sommer das Blütenangebot für Hummeln knapp wird." Fatal übrigens auch für Wildbienen-Arten, die auf Blütenarten spezialisiert sind, die nur noch selten an Wiesenrändern vorkommen. Ganz zu schweigen von fehlenden Nistplätzen und Rückzugsräumen für Insekten. Doch dagegen gäbe es Rezepte, sagt wiederum Forscherin Prof. Dr. Teja Tscharntk aus Göttingen. Gegen die dramatischen Verluste an Häufigkeit und Vielfalt von Insekten brauche es ganz grundlegende Änderungen in den Agrarlandschaften: "Dazu gehören die dramatische Verkleinerung von Feldern (zum Beispiel auf einen Hektar), die zeitliche wie räumliche Diversifizierung der angebauten Kulturarten und ein Minimum an naturnahen Lebensräumen (mehr als 20 Prozent). Solch ein struktureller Umbau könnte die Artenvielfalt in unseren Landschaften vervielfachen."

 

Glyphosatverbot - und dann wird alles gut?

Mit dem Ende des kommenden Jahres 2023 ist der Einsatz von Glyphosat in Deutschland verboten. Ist dann alles gut? Andere Pflanzenschutzmittel könnten ähnliche Folgen haben, sagen die Jenaer Forscher, die das für den wichtigen Stoffwechsel zwischen Insketen und ihren bakteriellen Partnern untersucht haben. Ergbenis: Auch die Alternativen zu Glyphosat wirken ähnlich. Alle bekannten Mittel schädigen diese Bakterien und gelangen in die Umwelt, so die Forscher. Am besten für die Insekten wäre deshalb wohl eine bedachte, nachhaltige Landwirtschaft ganz ohne Pestizide.

 

Hier können Sie die Studie im Original lesen https://www.science.org/doi/10.1126/science.abf7482.